Angst / Panikattacke / Therapie

Die Liste

Es ist 6 Uhr früh. Es ist Allerheiligen und ich sitze schon am PC. Es ist noch sehr still im Haus, aber mein Mann und ich werden gleich Musik ins WWW streamen. Denn wir sind mit unserem Internetradio mitten im Halloween-Marathon. Und wir haben die Frühschicht.

Aber auch so wäre ich wahrscheinlich schon früh wach gewesen. Ich schlafe seit ein paar Wochen nicht wirklich gut. Und es wird irgendwie auch nicht besser. Seit meiner letzten Therapiestunden am Donnerstag ist das Ganze sogar noch ein wenig schlimmer geworden. Was für doofe Albträume ich habe.

Am Donnerstag ging es darum, wie wir jetzt weitermachen und wie ich ich die Angst angehen will. Ich habe zwei Optionen, wenn ich sie nicht einfach verdrängen will. Entweder die Holzhammermethode. Mich der schlimmsten Angst ohne Ablenkung sofort stellen. Und das solange, bis die Angst wieder von alleine geht und soviele Wiederholungen, bis sie einfach nicht wiederkommt.
Oder ich wähle Methode Nummer zwei, die „sanfte Methode“. Ich erstelle eine Liste aufsteigend zu der Angst, die am schlimmsten ist. Zehn Schritte sollen es sein, wobei jeder Schritt, der kommt, schlimmer sein muss als der letzte. Und die arbeite ich dann ab. Ich halte jeden Schritt mit der Angst so lange aus, natürlich ohne Ablenkung, bis sie von alleine geht. Das wiederhole ich so lange, bis es okay ist und die Angst nicht mehr kommt. Erst dann gehe ich zum nächsten Schritt.

Das konnte ich Donnerstag aber nicht entscheiden, denn das alleine machte mir Angst. Und wenn ich hier so vor mich hintippe, müsste auch dieser Blog auf der Liste stehen, denn das Tippen macht mir irgendwie auch Angst. Nicht das Tippen an sich, sondern die Thematik. Die Angst vor der Angst kommt da hoch. Ich setze mich mit der Angst auseinander und zack, kommt die Angst wie von alleine. Eine sich selbsterfüllende Prophezeiung.

Die Entscheidung, welche Methode ich wähle kam sozusagen über Nacht. Ich hatte einen Albtraum, dass der gute Therapeut mit mir an einem ausgehobenen Grab steht und mich einfach reinschubst.
Okay, ich mach die sanfte Methode, denn auf Schubsen bin ich jetzt nicht besonders scharf.

Ich habe eine Liste erstellt, ob die allerdings was taugt, das weiß ich noch nicht. Die bekomme ich jetzt wohl erst noch abgesegnet und dann geht es auch schon los.

Angsthierachie Liste

100am Grab stehen
90auf der Bank am Urnenplatz sitzen
80jeder Schritt bis zu den Urnengräbern
70die ersten Schritte auf dem Friedhof
60vor dem Eingangstor stehen
50das Wort Tod im Kopf haben (sogar diese Liste zu erstellen macht mir Angst, drüber reden…)
40drüber lesen (z.B. habe ich das Buch von Irvin D. Yalom angefangen „In die Sonne schauen“ und es vor lauter Angst abgebrochen)
30Parkplatz vom Friedhof
20in der Nähe vom Friedhof sein, dran vorbeigehen/-fahren
10der Weg zum Friedhof
Die Liste

Heute allerdings werde ich mir nochmal die volle Dröhnung geben. Mit Friedhof und Ablenkung. Denn heute ist Allerheiligen und da gehört sich halt ein Besuch auf dem Friedhof. Ich weiß, ich muss das nicht, ich könnte mich auch davor drücken. Aber ich will das, meine Mama wäre sonst enttäuscht.
Ja, ich weiß, auch das ist ein dummer Gedanke. Ich weiß auch, was der Franke mir sagen wollte, als er mich nach diesem Satz so anschaute. Meine Mama ist nicht mehr da und kann nicht enttäuscht sein. Aber ich weiß, ihr war das immer wichtig und so werde ich es durchziehen. Wenigstens bis zur Bank, Kerze und Gesteck wegbringen und wieder gehen.
Weil ich das schaffen will.

Author

claudia.schroeder@meine-mail.de

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29. November 2020