Heute

Ich bin eine Runde weiter

Agoraphobie, zu Deutsch Platzangst (ich erläuterte bereits, was das ist), ist wirklich a Bitch.

Letztes Jahr, kurz nachdem mein Vater starb, waren mein Therapeut und meine Ärztin der Meinung, das mir eine Reha guttun würde. Weg von zu Hause, was anderes sehen, sich sortieren und orientieren.

Ich war zunächst sehr begeistert davon. Ein wenig „Urlaub“ konnte ja nicht schaden.

Ein Antrag war schnell ausgefüllt und zur Krankenkasse geschickt.
Und dann vergingen die Monate. Irgendwann bekam ich Post von der Krankenkasse, sie seien nicht für so einen Antrag zuständig, das müsse die Rentenkasse machen.

Häh? Bitte was? Ich bin berentet? Die Rentenkasse weiß, dass ich trotz dieser Maßnahme nicht wieder am Arbeitsleben teilnehmen kann? Die haben also gar kein Interesse daran, mich irgendwo hinzuschicken?
Aber gut, das werden Krankenkasse und Rentenkasse wohl unter sich ausmachen.

Dachte ich.

Im Juni letzten Jahres wurde dieser Antrag gestellt, im Juli zur Rentenkasse geschickt. Und bis Dezember hörte ich nichts davon. Bis ich dann nachfragte bei der Krankenkasse.

Ja, ich solle einfach noch mal warten und wenn ich bis Ende Januar noch immer nichts gehört hätte, einfach noch mal Bescheid geben.

Kurzum. Die Krankenkasse hatte ein Fehler gemacht, haben einen neuen Antrag angefordert und dann schnell, es war mittlerweile April, bewilligt.

Ich muss, glaube ich, nicht erwähnen, dass sich in fast einem Jahr so einiges tut. Meine Panik war schlimmer und der kleinste Ortwechsel machte mir Stress.

Und dann hatte ich auf einmal den bewilligten Rehaantrag in der Hand, der mich nach Sachsen-Anhalt, kurz vor die polnische Grenze schicken wollte. Eigentlich hätte ich jubeln müssen. Mich hätte das freuen sollen. Tat es aber nicht. Dieser Brief brachte mein Gehirn zum überlaufen.

Schlaflose Nächte, Panikattacken, Angstzustände. Ich sollte soweit weg.

Irgendwann beschloss ich, dass ich darüber mal mit dem Therapeuten und der Ärztin sprechen sollte. Beide waren sehr verständnisvoll und zu diesem Zeitpunkt wurde das erste Mal die Diagnose Agoraphobie betitelt, also für mich, mir gegenüber und ich bekam eine lange Erklärung, warum ich so reagiere, wie ich reagiere.

Die Reha war mit Hilfe eines Attests vom Tische, aber eine intensivere Therapie nicht.

Mir wurde die Tagesklinik nahe gelegt. 6 Wochen oder mehr an meine Probleme ran, durch Höhen und Tiefen gehen und mich endlich mal trauen, all das zuzulassen, was ich die letzten Jahre fein unter den Teppich gekehrt habe, in der Hoffnung, das alles verschwindet dann einfach wie von Geisterhand.

Was da alles unter dem Teppich liegt, das schreibe ich bei Gelegenheit mal. Das zerren wir bestimmt alles ans Tageslicht, denn….

Ich hatte das Gespräch in der Tagesklinik, die einen Katzensprung von zu Hause entfernt ist, und ich wurde für gut befunden. Irgendwan zwischen August und Oktober geht es los (Dank Corona konnte man mir noch keinen festen Aufnahmetermin geben).

Der Wortlaut war: „Sie sind die geeignetet Kandidatin für die Tagesklinik.“

Das klang wie nach einem Bewerbunggespräch, ich habe alle nötigen Qualifikationen, die man braucht und ich bin eine Runde weiter in der Auswahl.

Nein, im Ernst, die waren alle sehr nett, haben mich in meiner Panik, die ich auch dort hatte, abgeholt und hatten vollstes Verständnis, dass ich nicht zur Reha gefahren bin.
„Das ist nicht für jeden was, deswegen gibt es uns.“

Ich weiß, diese Zeit wird sicher anstrengend, aber ich bin bereit, dass alles anzugehen… Denn unter dem Teppich hat sich ein großer Berg angesammelt, über den ich immer wieder stolper, wenn ich mich bewegen muss. Und Toni findet es super, wenn ich mal wieder falle.

Deswegen, chakka, Kari.

Author

claudia.schroeder@meine-mail.de

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19. August 2020