Antitonistrategie / Therapie

Das riecht wie Mottenkugeln

Gegen Toni habe ich mir in den letzten Jahren so einiges an Strategien einfallen lassen. Auch von denen, ob sie nun nützlich waren oder nicht, möchte ich berichten. Ich glaube, es ist einiges kurioses dabei.

Meine erste Strategie habe ich begonnen, noch bevor die Diagnose feststand und ich Medikamente verschrieben bekommen habe.

Ich habe schon vor den Arztterminen und der Diagnose viel rumprobiert. Von homöopathischen Mitteln, die mich ruhiger machten, über Antitranspirantien, die zumindest das Stressschwitzen abmildern sollten, bis hin zu Atemübungen. Ich schaute, was es an Medikamenten, frei in der Apotheke, zu kaufen gab und landete irgendwann vor dem Teeregal aus dem der eine oder andere Beruhigungs-Glücklichmach-Seelentee in meinen Besitz wanderte.

Nach langem rumprobieren mit Baldrian und Hopfen, mit Salbei und Kamille landete ich irgendwann bei Lavendel. Bei Lavendel Tee. Ein Schlaftee, oder auch Gute-Nacht-Tee, wie es auf der Verpackung des Herstellers vermerkt ist. Mich machte der Tee nicht wirklich müde. Aber der Tee beruhigte mich irgendwie. So gingen in der Woche einige Liter an Schlaftee mit Lavendel durch. Die Drogerie meiner Wahl dachte bestimmt, ich sei ein Siebenschläfer. Über den Tag verteilt schaffte ich so 5-15 Tassen. Zum Abend erhöhte sich mein Konsum meistens. Toni scheint nämlich vom Hamster abzustammen. Der ist irgendwie nachtaktiv.

Doch der Tee an sich brachte einfach nicht genug Linderung. Es war zwar eine Tendenz da, aber mir reichte das noch lange nicht. Denn neben dem hohen Teekonsum, nahm ich noch immer Unmengen von Deo, damit die Spuren von Toni nicht so deutlich zu sehen waren und auch die Homöopathie begleitete mich regelmäßig im Akutzustand. Befriedigend war das alles wirklich nicht.

Es musste mehr Lavendel her. So machte ich mich also schlau, welche Dareichungsformen Lavendel noch zu bieten hatte.
Ich stieß auf Lavendelkapseln. Lilafarbene, weiche Kapseln, gefüllt mit flüssigen Lavendel. Käuflich zu erwerben in der Apotheke, ohne Rezept.

Die brachten eine gewisse Wirkung, tatsächlich. Ich wurde etwas ruhiger, Toni war nicht mehr so bedrohlich. Er war noch da, aber ich konnte ihn wenigstens ertragen.

Diese Kapseln hatten jedoch einen großen Nachteil. Diese Flüssigkeit in den Kapseln, die verteilten sich spürbar im Magen. Davon bekam ich tüchtig Aufstoßen. Es schmeckte nicht nur den ganzen Tag nach Lavendel in meinem Mund, sondern mein Atem roch auch nach Lavendel, wie mein Mann berichtete. Aber gut, einen Tod muss man halt sterben. Entweder Toni aushalten oder wie eine lebende Mottenkugel riechen. Dann doch lieber glauben, man hätte Mottenkugeln gelutscht und wie die eigene Oma riechen.

Dennoch war ich froh, dass ich irgendwann diese Kapseln wieder absetzen konnte und ich andere Medikamente von der Neurologin bekam.

Aber, so ganz hat mich Lavendel nicht verlassen und auch der Mottenkugelgeruch begleitet mich weiterhin.

Nach all den Experimenten mit Lavendel habe ich nämlich festgestellt, dass der Duft nach dem lila Gewächs eine sehr gute Wirkung auf mich hat. Es mildert Toni ab, wenn er akut auftaucht, hilft mir beim Schlafen und beruhigt mich.

So habe ich nun Lavendel-Warmies, Stofftiere, die mit einer Lavendel-Kräutermischung gefüllt sind und die man in der Mikrowelle oder im Backofen erwärmen kann. Die funktionieren nicht nur wie eine Wärmflasche, sondern duften auch himmlisch nach Lavendel.

Dann gibt es regelmäßig einen neuen Raumduft für die Wohnung, der unser Zuhause in ein Lavendelfeld umwandelt. Um das noch zu unterstützen, gibt es an grauen Tagen noch Lavendel-Duftteelichter.

Für die ganz schwierigen Fälle kann ich jedoch echt noch einen draufsetzen. Ich habe mir ein Duftarmband gekauft. Ein kleines, schwarzes Lederband mit einem silbernen, dekorativen Duftspender dran. Diesen kann man aufschrauben und in ihm ist ein Filz. Diesen kann man mit Aromaölen beträufeln. Natürlich wird mein Filz mit Lavendel beträufelt.

So habe ich immer etwas bei mir, an dem ich, wenn alle Stricke reißen, riechen kann.

Vorher hatte ich das mit den Stofftieren gemacht, von denen schon ein paar bei mir eingezogen sind, weil sie so süß sind. Aber wenn man unterwegs an einen Schafarsch schnüffelt, sieht das schon ein wenig befremdlich aus.

So stecke ich meine Nase eben an das Handgelenk und verströme als lebende Mottenkugel den Duft nach Lavendel.

Author

claudia.schroeder@meine-mail.de

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