Gedanken / Gefühle / Panikattacke / Therapie / Toni

Ich werde einfach aus meinem Kopf geworfen

Nach dem ersten Mal in dem Trauerraum beim Bestatter vergingen ein paar Monate, bis Toni wiederkam. Der hatte sich kribbelig in meine Füße verkrochen und ich habe das Gefühl in mir auf die Trauer geschoben.

Ich hatte keine Zeit zum Trauern und ich glaube, ich habe mir auch gar keine Zeit genommen. Ich war froh, dass ich Dinge erledigen musste und mein Vater Hilfe von mir forderte. Vielleicht kam mir das alles sehr gelegen. Ich musste mich nicht mir auseinandersetzen und konnte alles vor mich hinschieben. Es war einfach keine Zeit für das Kribbeln in den Füßen und den Kloß im Hals.

Das Leben ging weiter und wir versuchten uns einen neune Alltag zu schaffen.

In den ersten Wochen nach ihrem Tod habe ich es vermieden, Orte aufzusuchen, die ich mit ihr in Verbindung gebracht habe. Sogar den Supermarkt für die wöchentliche Einkäufe haben wir durch einen anderen erstetzt.

Irgendwann kam jedoch der Zeitpunkt, an dem sich das lächerlich anfühlte. Es war wie ein Weglaufen. Und da ich im Laufen noch nie die Granate war, ahnte ich, dass mich, was auch immer, das irgendwann einholen könnte.

So beschloss ich im Sommer, ich glaube, es war etwa Mitte Mai, mich bewusst den Orten zu stellen. „In den Schuhen meiner Mutter“ wurde mein Blogprojekt und ich bin mit meiner Kamera losgezogen. Ich habe Orte besucht, die mir in der Kindheit wichtig waren und mit denen ich die Anwesenheit meiner Mutter verband.

So war ich in dem Wohngebiet, in dem wir aufgewachsen sind, fuhr in den Ort der Kindheit meiner Mutter. Und auch die Vermeidung des Supermarktes gab ich auf. Wozu denn auch weiterfahren für die wöchentliche Einkäufe als unbedingt notwendig?

Und dieser Mut wurde bestraft. Schon als wir zum Supermarkt fuhren, in dem ich jede Woche mit meiner Mama war, brachte Unbehagen. Ich war regelrecht nervös, dabei wusste ich gar nicht wirklich warum, Ich wollte doch nur einkaufen. Etwas ganz gewöhnliches.

Es verlief auch alles zunächst sehr harmlos. Wir sind mit 2 Einkaufswagen rein, einer für uns und ein anderer für die Einkäufe von meinem Vater. Erst das Brot, dann Obst und Gemüse, die Kühltheke.

Mit jedem Schritt, den ich weiterging fühlte ich mich beobachteter. Und je mehr ich den Eindruck hatte, dass mich die Leute anstarrten, desto größer wurde das Gefühl, nicht mehr ich selbst zu sein. Wer war ich und warum war ich hier? Und wo war eigentlich meine Mama?

Ich hielt diesen Zustand aus und versuchte mich auf unsere Einkaufsliste zu konzentriefen. Hier Joghurt, da Käse und Kartoffeln für das Mittagessen. Ich hielt auch durch. Bis zur Kasse.

Da wankte dann auf einmal die Welt. Es ging ein Ruck durch meinen Körper und ich hatte das Gefühl zu stürzen. Ich hielt mich zunächst am Einkaufswagen fest und beobachtete mich selbst. Es war ganz merkwürdig. Als würde ich neben mir stehen, einen Zentimeter von mir selbst entfernt. Ich sah, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat, mein Atem sehr flach ging und mein ganzer Körper in den Fluchtmodus wechselte.

Etwas anderes übernahm mich und meinen Kopf und drängte mich heraus.

Irgendwas bedrohte mich und ich musste weg. Ohne nachzudenken habe ich das auch getan. Ich habe die Flucht ergriffen. Ich habe meinem Mann einfach den Einkaufswagen rübergeschoben und habe es irgendwie geschafft durch die anstehenden Kunden, an der Kasse vorbei, nach Draußen zu kommen.

Die frische Luft tat mir gut und ich war auch wieder in meinem Körper. Das, was die Kontrolle übernommen hatte, konnte ich erfolgreich zur Seite schieben und selbst wieder in mein Bewusstsein gehen.

Das hört sich voll gruselig an, wenn ich das so erzähle. Aber jedes Mal, wenn Toni übernimmt, dann fühlt es sich so an, als wenn ich aus meinem Kopf geworfen werde und ich selbst nur noch Zuschauerin des Geschehens bin. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, in dem man die ersten Minuten handlungsunfähig zuschaut, was Toni mit einem macht. Ich kann nicht reden, nicht handeln, nicht reagieren.

Auch heute kann ich das noch nicht, trotz Therapie und Strategie. Die Strategien, die bei mir funktionieren greifen erst, wenn Toni übernommen hat. Andere Maßnahmen sind eher Ablenkungen, damit Toni nicht soviel Aufmerksamkeit bekommt, aber es sind keine Strategien, dass Toni wieder geht. Diese Maßnahmen bekommen bald einen eigenen Blogbeitrag, denn es sind viele und immer andere, je nach Situation, in der Toni kommt.

Ich gehe mittlerweile wieder einkaufen. Gut, im Moment natürlich nicht, wegen Corona, weil mir die Maske zusätzlichen Stress macht und mein Mann mich auch nicht lassen würde, da ich zur Risikogruppe gehöre. Corona kommt mir also irgendwie gelegen.

Aber vorher war ich wieder einkaufen, auch in besagtem Supermarkt und das hat ganz gut geklappt. Mit Ablenkung und Reizen.
Ich vermeide es also nicht, mich Toni zu stellen und werde auch weiter daran arbeiten.

Author

claudia.schroeder@meine-mail.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.